4. Tiefenpsychologisches

 

 

„Das Sprichwort «Wo ein Wille ist, da ist ein Weg» drückt nicht bloß ein germanisches Vorurteil aus. Es ist ein Aberglaube des modernen Menschen im allgemeinen. Um diesen Glauben aufrechtzuerhalten, kultiviert er auf der anderen Seite einen bemerkenswerten Mangel an Introspektion. Er steht der Tatsache blind gegenüber, dass er bei aller Vernünftigkeit und Tüchtigkeit von «Mächten» besessen ist, über die er keine Kontrolle hat.“
(C.G. Jung, Traum und Traumdeutung)

 

 

 

 

Letzte Sitzung?

 
Die kleinen Tentakel
löse ich nicht ich
sinke mit
 
zu bleichen Riffen.
 
Laichzeit ist in schneeweißen Ruinen
bin ich dir ganz nah aus deinen
fahlen müd geriebenen Kinderaugen
schlüpfen frühe
bange Tage zu mir.

 


So zart verhakt
in mich deine Tentakel ein
wirbelnder Tanz

im alten Riff


da schweben leichte Federzeichen wirst
du sie lesen, Wort
um Wort ausrollen
vor deiner
Schattentaucherin?

 

 

 


„Letzte Sitzung?“, ein Gedicht, das sich mit einer „Schicht“ der menschlichen Psyche, dem sog. „Unbewussten“ befasst.
Anlass für dieses Gedicht war mein Zusammentreffen mit einem Menschen, der wütend und ungehalten auf mich reagiert hatte und in seinen verbalen Attacken mehr von sich preisgab als ihm wahrscheinlich lieb war und der mich unfreiwillig ein Stück weit in sein Leben –auch in tiefere Ebenen- hineinzog.
Das Verfassen des Gedichts half mir, das Erlebte selbst psychisch zu verarbeiten: Über den „Gefühlsausbruch“ dieses Mitmenschen war ich zutiefst aufgebracht und erschüttert.

 


Ort des inneren Geschehens ist das Meer –tiefenpsychologisch gesehen- das „Unbewusste“ der menschlichen Seele. Dort sind hochdynamische Kräfte (Schatten) am Wirken, die ihre Wurzeln zumeist in der Kindheit haben und die unser Verhalten dergestalt beeinflussen, dass wir so gut wie nichts davon mitbekommen. Das ist es was dieses Verhalten zuweilen so unberechenbar und fast gefährlich macht.
Das lyrische Ich folgt solchen Kräften eines maroden seelischen Urgrunds als „Schattentaucherin“ und begleitet diese tänzerisch so lange, bis eine Lösung in Sicht kommt. Die Begegnung erfährt so einen fruchtbaren Verlauf; die Aufarbeitung der Schattenanteile machte Sinn.

 

 

Den äußeren Ort des Geschehens verlegte ich kurzerhand. An der Überschrift, die eine Sitzung anspricht, ist sicherlich unschwer zu erkennen, wohin …