2. Zur Mensch-Tier-Beziehung

 


 

Du zitterst
aber ein Schnurren
verscheucht die Angst.

Ein Gedicht, das in wenigen Worten einen Aspekt der Beziehung zwischen Mensch und Tier anspricht: Die Verbesserung des Wohlbefindens und der Gesundheit des Menschen in der Anwesenheit eines Tieres. Menschen lieben Tiere; schon das kleine Kind findet sie liebevoll gestaltet in seinen Bilderbüchern, erste Laute des Kleinkindes ahmen Tiere nach, Verliebte greifen beim Erfinden von Kosenamen gern aufs Tierreich zurück, eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier stellt sich in der Regel spielend ein. Alte, kranke, einsame oder unglückliche Menschen finden Halt und Stütze durch ein Tier. Tiere werden bei vielerlei Krankheiten des Menschen therapeutisch eingesetzt. Der Umgang mit Tieren gestaltet sich meist leichter als mit Menschen. Ein Tier wirkt in seinem Verhalten vielleicht ehrlicher, einfacher und geradlinig. Auf ein Tier ist eher Verlass, der Mensch weiß, woran er ist, im Gegensatz zum Umgang mit seinen Artgenossen. Ein Tier, das gut behandelt wird, bleibt "seinem" Menschen treu.
Vielleicht hat dieser positive Aspekt aber auch damit zu tun, dass die Tiere für die Menschen eine Art Spiegel darstellen, in dem letztere sich selbst erkennen können. Mensch und Tier haben nämlich viel mehr Gemeinsames als Trennendes. Sie sind Verwandte. In dem sehr empfehlenswerten Artikel:

 

"Der Verlust der Liebe" in der Zeitschrift "greenpeace magazin" -Nr. 6.06 -  *s. Anm.1*, in dem es um das Aussterben des Tigers geht, ist zu lesen:

 "... Denn ein lebendes Wesen, wie wir es sind, kann sich selbst niemals vollständig erkennen. Es braucht einen Spiegel, der ihm sein eigenes Gesicht zeigt: seine Augen, mit denen es sieht. Es ist wie mit dem blinden Fleck der Netzhaut, wo sich der Sehnerv bündelt und die Bilder zum Hirn trägt. Ohne ihn könnten wir nicht sehen, aber ihn sehen wir nicht. Ohne die Tiere ist unsere Identität nicht komplett. Nur in ihm vermögen wir unser gesamtes Potenzial zu ermessen ..."  

"... Wir selbst sind Tiere. Darum gehört zu dem, was unser innerstes Wesen ausmacht, auch das, was andere Tiere uns zu zeigen vermögen. Sie sind wie wir – und doch ganz anders. Wir können von ihnen lernen, so wie das Neugeborene von seiner Mutter lernt, die ihm ebenfalls ähnelt und doch von ihm verschieden ist. Damit spielen Tiere eine nicht wegzudenkende Rolle für unsere Seele. Ohne sie sind wir blind für uns ..."

 
Die Einstellung des Menschen zum Tier ist jedoch ambivalent. So unterscheidet der Mensch zwischen den geliebten "Heim- und anderen sympathischen Tieren", die Namen erhalten und der namenlosen Ware "Nutztier". Die Bedingungen der meisten sogenannten "Nutztiere" werden von den Menschen aus ihrem Bewusstsein ausgeblendet, von der "Tierhaltung" mit all ihren grauenvollen Erscheinungsformen will der Mensch nichts wissen. So sagt Dr. Hanna Rheinz (Publizistin, Psychologin und Tierethikerin) in ihrem bemerkenswerten und für mich vorbildlichen Vortrag:


"Die Psychoanalyse des Nutztieres"  *s. Anm.2*:

 "Die Entgleisungen der Tiernutzung werden uns nur selten bewusst, und nur dann, wenn Erzeuger und Konsumenteninteressen verletzt werden, ... Ein Blick in diese Parallelwelten (gemeint sind damit hier die Tierfabriken, Anm. d. Verf.) ) ist ein Blick in die Abgründe eines breughelschen Höllenszenarios. Jene, die sich den Gräueln stellen und dazu Stellung beziehen, werden ebenso misstrauisch beäugt wie dies den Pionieren der Psychoanalyse wohl widerfahren ist, als sie den gesellschaftlichen Konsens aufkündigten und verschwiegene, verleugnete, verdrängte Tabuthemen und Verhaltensweisen zur Sprache brachten."

 

"Funktioniert unser Alltag nur noch, weil wir Unerwünschtes, Dissonantes nicht verarbeiten, sondern für immer in Parallelwelten parken und dort vergessen?"

Die Kritik am Halten von Nutztieren und eine vegetarische- oder gar vegane Lebensweise werden nach meiner eigenen Erfahrung in der Tat eher als weltfremd eingestuft.
Der Mensch sei nun mal ein "Allesesser", heißt es gebetsmühlenartig immer und immer wieder bedeutungsvoll und schicksalsergeben, was wohl ausdrücken soll, dass das Verzehren von Tieren unabdingbare Voraussetzung für die Erhaltung der Gesundheit des Menschen sei. Das dem nicht so ist, weiß ich als jahrelange Veganerin ohne Mangelerscheinungen mit Sicherheit. Der Mensch kann Fleisch essen, muss es aber heutzutage dank des vielfältigen Nahrungsangebots (wie beispielsweise Hülsenfrüchte als wertvolle Proteinlieferanten), um gesund zu bleiben, nicht. Einige unserer Ahnen mögen da in einer völlig anderen Situation gewesen sein; sicherlich war deren Verzehr von (tierischem) Protein letztlich sogar der Entwicklung des Gehirns dienlich, aber eine proteinreiche pflanzliche Nahrung wie Hülsenfrüchte konnte ja auch erst durch Erhitzen, also seit der Beherrschung des Feuers, verdaulich gemacht werden. Der Unterschied zu unseren Ahnen liegt aber auch darin, dass der Jetztmensch ein anderes kulturelles und vor allem ein anderes ethisches Leben aufgebaut hat.
Allerdings wird der Fleischkonsum den meisten Menschen schon als kleines Kind angewöhnt. Derart geprägt hinterfragt der erwachsene Mensch diese Gewohnheit in der Regel auch nicht. Der gewöhnliche Zeitgenosse will den "Gaumenkitzel" in Gestalt von "Fleisch" (wie es Dr. Helmut F. Kaplan, österreichischer Philosoph und Tierrechtler immer wieder ausdrückt) nicht missen. Darauf angesprochen sucht er nach Ausreden wie die vermeintliche Unverzichtbarkeit auf dieses sogenannte "Lebensmittel".


Fragwürdig ist aber auch schon die Vorstellung, dass der Mensch Tiere nutzen, oder besser ausnutzen, dürfe. Es ist der Anspruch, Macht auszuüben. Tierrechtler sprechen dabei von "Speziesismus", in Anlehnung an "Rassismus", "Sexismus" etc.

Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Ausbeutung der Tiere stattfindet, ist in der Tat erschreckend!

Ich aber weiß, dass uns nicht nur ein Schnurren wie das meines oben zu sehenden Katers "Neo" berühren kann sondern auch "der neugierige Blick eines Kalbes", Ferkels oder Lamms. So wie es bei

Dr. Hanna Rheinz  *s. Anm.2*  weiter heißt:

 "... Dass es keinen Unterschied zwischen dem treuen Blick des Hundes und dem neugierigen Blick des Kalbes gibt, wird geahnt; bewusst werden, bewusst bleiben darf es nicht ..."


"Was sagt es uns, wenn sich die abendländischen Gesellschaften mit ihrer unseligen Geschichte der Bruderkriege und Verfolgungen, der Ausrottung von Minderheiten und Völkermorden, sich nun in einem Alltag millionenfach organisierten Tötens eingerichtet hat? Wenn sie diese Gräuel in ihrer Mitte zulässt um den Preis, Strategien des Leugnens, Wegsehen und Wegfühlen anzuwenden?"  

  

 

 

 

 

 

Bilder gefunden bei  Pixabay  * s. Anm.3*

 


 

 

 

Dieses Wegsehen, Wegfühlen und Nicht-Wissen-Wollen, das hatten wir doch vor wenigen Jahrzehnten schon einmal ...

 

 

 

 

Anm.1:   Zitate: Mit freundlicher Genehmigung der Greenpeace

               Magazin Redaktion
               siehe: Greenpeace Magazin
               kompletter Artikel: siehe hier

Anm.2:    2. bis 4. September 2011 in Löwenstein (Heilbronn).
               Alle hier zitierten Texte:

               Copyright: Dr. Hanna Rheinz, Dipl.-Psych., M.A.
               Schießstattweg 19
               82362 Weilheim
               siehe: Hanna Rheinz

               kompletter Vortrag: siehe hier

Anm.3:   Website für gemeinfreie Bilder