1. Zum Begriff Selbstverwirklichung

 

 

 

Populär wurde der Begriff "Selbstverwirklichung" hauptsächlich durch den amerikanischen Psychologen Abraham Harold Maslow, geb. 01.04.1908, verst. 08.06.1970. Nach dessen Auffassung gibt es eine Hierarchie menschlicher Bedürfnisse, die sich in der sogenannten Maslow'schen Bedürfnispyramide darstellen lässt.

 

Diese Stufen sind von unten nach oben:

 

Physiologische Bedürfnisse

Sicherheit

Soziale Bedürfnisse

Individualbedürfnisse

Selbstverwirklichung

Bedürfnis nach Transzendenz.

 

Die Erfüllung auch der höheren Bedürfnisse stellt sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Schutzfaktor für die Erhaltung menschlicher Gesundheit dar.

 

Die Selbstverwirklichung oder vollständige individuelle Menschlichkeit kann nur erreicht werden, wenn sich der Mensch seiner selbst bewusst ist und auf seine innere Stimme hört. Voraussetzung der Selbstverwirklichung ist die Selbsterkenntnis.

 

 

Ein Beispiel für ein Stück Selbstverwirklichung gibt dieses Gedicht:

 

 

Frühsommer

 

In der Mittagssonne

trocknen die Träume:

 

Bunt Gefiederte in

blätterndem Geflüster.

 

Eine Feder

tastet sich in meine Hand.

 

 

 

 

Die Jahreszeit des lyrischen Ichs ist der Frühsommer, ein Mensch von vielleicht vierzig Jahren, dessen Träume in der Mittagssonne trocknen. Weshalb trocknen seine Träume? Sie sind nass, möglicherweise weil sie wie ein Stück Wäsche gereinigt wurden. Die Träume sind ge- , oder besser be-reinigt, es sind klare Linien zu erkennen. Die Nässe deutet auch auf Unreife hin, so dass die Träume nun klarer und reifer zu Tage treten.

 

Diese Träume werden mit bunten Vögeln ("Gefiederte") verglichen, beziehen sich also auf die vielfältigen geistig-seelischen Inhalte des menschlichen Daseins, die sich nur in Freiheit entfalten können. Es gilt, die Schwerkraft der irdischen Existenz zu überwinden, etwas Neues zu wagen, über sich hinaus zu wachsen, auch einmal ein Risiko einzugehen, zu fliegen ...

 

Die Vögel fliegen aber noch nicht; sie befinden sich in "blätterndem Geflüster", der leisen Stimme der Intuition, die dem Bewusstsein ständig etwas zuflüstert. Der Mensch ist in Kontakt mit sich selbst und wird sich seiner inneren Bedürfnisse bewusst. Diese innere Stimme blättert in irgendwas wie in einem Buch, dem Buch des Lebens dieses Menschen, den Wünschen, dem Potential.

 

Da löst sich eine Feder, ein Teil dieses Traums, da sich der Traum (noch?) nicht komplett verwirklichen lässt, ganz von allein und findet tastend ihr Ziel, die ausgestreckte Hand: Ein sehr sanfter, vorsichtiger, geduldiger Vorgang. Es war gar nicht nötig, die Feder auszurupfen oder auch nur an ihr zu ziehen. Das Einzige, was zu tun war: Die Hand ausstrecken und die Feder auffangen. Nun hat der Mensch seinen Traum buchstäblich in der Hand.

Seine Verwirklichung kann beginnen.